Das Co-Zeitalter

All jene, die noch immer glauben, dass wir nach Eindämmung des Corona Virus wieder zu unserem bisherigen Leben zurückkehren werden, sind keine Optimisten, sondern Realitätsverweigerer. Es wird in diesem Jahrzehnt wahrscheinlich kein Leben nach Corona, sondern mit Corona geben.

Ein Satz, der mich geprägt hat, stammt aus dem Mund von Bruno Kreisky. „Lernen Sie Geschichte“ sagte der damalige Bundeskanzler unserer Republik 1981 zu einem Reporter. Auch wenn dieses – immer noch gern verwendete Zitat des Sonnenkönigs – in einem anderen Kontext fiel, so ist es meiner Meinung nach eine gute Aufforderung, zuallererst in die Vergangenheit zu blicken, bevor wir uns mit der Zukunft beschäftigen sollten. Nach dem Motto „Hinterher ist man immer g´scheiter“, werden wir aus der aktuellen Situation durch die Nachbetrachtung die Zusammenhänge besser verstehen und daraus lernen können. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht schon jetzt damit auseinandersetzen sollten, wie wir in Zukunft mit den Auswirkungen umgehen können. Aber es ist unsere Pflicht, die Fehler aus vorausgegangen Krisen zu identifizieren, zu bewerten und uns die Erkenntnisse daraus zunutze zu machen.

Die Macht der verzerrten Wahrnehmung

Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir von Krisen umgeben sind. Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise und jetzt die Coronakrise in Folge des Covid-19 Impacts. Die mediale Berichterstattung dreht sich seit Jahren nur mehr um solche Ereignisse. Einerseits weil diese uns natürlich (fast) alle betreffen, andererseits weil sich der „Bad-News-Journalismus“ scheinbar endgültig durchgesetzt hat. Dass die Globalisierung auch ihren Anteil daran hat, ist unbestritten. Aus jedem Winkel der Erde werden wir heute laufend über Krisen und andere Kalamitäten informiert oder besser gesagt, zugeschüttet. Unsere Empfindung stimmt vielfach nicht mehr mit der Realität überein.
Wenn wir uns die nüchternen Fakten anschauen, dann leben wir in einer Zeit, in der vieles besser geworden ist, als wir glauben. Erstmalig in unserer Geschichte verringert sich der Anteil jener, von extremer Armut Betroffenen auf unter 10% und das trotz steigender Bevölkerungszahlen. Die Anzahl der Morde und Gewaltverbrechen sind seit Jahren im Sinkflug. Immer weniger Menschen auf der Welt leiden Hunger und eher sterben wir heute an Übergewicht als an Unterernährung. Global gesehen und an Zahlen gemessen verbessert sich die Lage der Menschheit in nahezu allen Bereichen. Langsam, aber stetig. Wir haben uns jedoch längst an diese verschobene Wahrnehmung gewöhnt und auch die sozialen Medien tragen ihres dazu bei. Fake-News und Informationsblasen inklusive. In Krisenzeiten, wie wir sie jetzt inklusive Ausgangssperren und Quarantäneverordnungen erleben, verstärken unsere Wahrnehmungsdifferenzen. Unsere individuelle Sicht auf die Dinge und die tatsächliche Realität sorgen je nach Typus für enorm breite Interpretationsspielräume. Es gibt unterschiedlichste Blickwinkel, aus denen wir Krisen betrachten können, die aufschlussreichsten liegen in der Gegenüberstellung von Vergangenheit & Zukunft, Pessimismus & Optimismus, Gefühl & Fakten. Je breiter wir unser Betrachtungsfenster öffnen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein Bild erzeugen, welches Risiken und Chancen einer Krise zu Tage bringt. Das schützt uns vor eindimensionalen Denk- und Lösungsmustern. Denn wer nur in eine Richtung schaut oder sich ausschließlich auf das konzentriert, was er glauben will, wird entweder zum Verweigerer oder zum Verschwörungstheoretiker. Beides ist keine Option, um aus Krisen zu lernen.

Krisen bieten Chancen für die Unaufgeregten

Wenn wir heute von resilientem Verhalten sprechen, so meint die Soziologie nicht nur das Bewältigen von Krisen – im Sinne der Widerstands- und Regenerationsfähigkeit von Gesellschaften – sondern auch unsere Fähigkeit daraus zu lernen, uns an zukünftige Herausforderungen anzupassen und uns letztendlich so transformieren zu können. Das alte Sprichwort „In der Ruhe liegt die Kraft“ ist sozusagen die triviale Übersetzung von Resilienz. In jedem Handbuch für Krisenmanagement geht es zuerst einmal um die unaufgeregte Bewertung der Lage und den damit verbundenen Handlungsspielräumen, die zur Bewältigung einer Störung von innen oder außen, dienlich sein können.

Selbst unterschiedlichste Krisensituationen laufen im Regelfall immer sehr ähnlich ab und bestehen fast immer aus zumindest fünf Phasen.

Erste Phase: Verweigerung
„Es wird schon nicht so schlimm werden wie manche behaupten, uns wird das nicht treffen, in ein paar Wochen ist wieder Gras über die Sachen gewachsen“. So oder ähnlich klingen erste Reaktionen auf Krisen, die gerade über uns hereinbrechen. Viele wollen es nicht wahrhaben und wer als erstes die unbequeme Wahrheit ausspricht, wird verhöhnt. Die breite Masse verweigert sich bereits bekannten Tatsachen, weil es man sich nicht vorstellen kann und will. Und selbst vernünftigere Schichten haben sich mit dieser Pandemie mit einer realistischen Einschätzung schwer getan. Ich inklusive!

Zweite Phase: Widerstand
Nach der Verweigerung folgt die kalte Dusche der Realität, die so manchen mit Zornesröte in den Widerstand treibt. Jene, für die die Gewinnmaximierung an erster Stelle steht, verwehren sich gegen Eingriffe in ihren Normalmodus. Freiwillig etwas aufzugeben oder zu unterlassen ist keine Option, selbst unter Druck wird versucht so lange Widerstand zu leisten, wie es möglich ist. Ich denke, ich muss hier vor allem im Tiroler Tourismus keine Beispiele dafür nennen, wo und wann dieser Widerstand auftrat.

Dritte Phase: Taktieren
Taktieren ist eine gewohnt menschliche Strategie, aber häufig nur eine andere Form des Selbstbetruges, eine Art Bewältigungsstrategie unseres überforderten Egos. Auch die politisch Verantwortlichen taktieren in der Hoffnung, dass sich manches von selbst beruhigt oder erledigt. Die Gefahr hierbei liegt in den Eigeninteressen von Individuen, Gruppen und Organisationen. Je stärker diese Interessenslagen sind, desto länger wird versucht Bestehendes aufrechtzuerhalten. Die Diskussionen über Herdenimmunität als Taktik im Vereinten Königreich haben genau in dieser Phase stattgefunden.

Vierte Phase: Rückzug
Wenn die angewandten Taktiken versagen und man sich hilflos das Scheitern eingestehen muss, dann folgt eine Depression und somit ein Rückzug aus der Handlungsfähigkeit. Diese Phase ist sehr gefährlich und sollte tunlichst vermieden oder zumindest verkürzt werden. Diese Phase ist von Ängsten geprägt und lähmt und blockiert unser Handeln und unser kreatives Potential in alternativen Lösungen zu denken. Im besten Fall kann man sich an anderen orientieren, die das schon hinter sich oder besser in den Griff bekommen haben. Auch hier dient der britische Premier Johnson als perfektes Fallbeispiel.

Fünfte Phase: Akzeptanz
Sobald wir akzeptiert haben, was diese Situation mit sich bringt und wir uns nicht mehr gegen die Folgen auflehnen, besteht die Chance auf eine Neuordnung. Evolution, wie sie im Lehrbuch steht.
Altes und nicht mehr funktionierendes loslassen, Chancen entdecken und nutzen, kreative und vor allem andere Zugänge, Rückbesinnung auf wesentliche Werte, Konzentration auf wirklich Wichtiges und das sich eingestehen, Fehler gemacht u haben, die jetzt dabei helfen (können) unsere Gesellschaft nachhaltig positiv zu verändern.

Wir müssen die Chancen sehen und nutzen

Es wird weltweit gesellschaftliche und politische Verwerfungen geben, die wir uns jetzt wahrscheinlich genauso wenig vorstellen können, wie die aktuelle Situation vor einigen Wochen. Was dabei genau auf uns zukommt und wie unsere Welt mit Corona aussehen wird, weiß zum momentanen Zeitpunkt niemand genau. Aber wir können und müssen für uns nach Chancen suchen, die es uns ermöglichen, gut oder sogar besser wie vorher mit Corona zu leben. Hier ein paar Überlegungen, die uns als Gesellschaft voranbringen und unsere Wirtschaft neu definieren könnte:

Je näher wir bei uns selbst sind, desto näher können wir Anderen sein.

Im Moment der Abgeschiedenheit lassen wir alte Kontakte wieder aufleben, verstärken Bindungen, rücken näher zur Familie, zu Freunden und Bekannten. Im besten Fall werden wir wieder höflicher und gehen mit Konflikten respektvoller um als vorher. Unsere Empathiefähigkeit steigert sich, unser Zynismus tritt in den Hintergrund und eine neue Form der Wertschätzung wird sich etablieren. Vor allem gegenüber Menschen und Berufen, denen wir in der Vergangenheit kaum Aufmerksamkeit geschenkt haben. Viele Selbstverständlichkeiten werden wir fokussierter betrachten und uns öfter Fragen nach der Notwendigkeit und der Sinnhaftigkeit stellen. Unser Wertehaushalt wird ebenso ins Wanken geraten wie unser Konsumverhalten. Für einige Dinge werden wir uns wesentlich mehr Zeit nehmen und das schlechte Gewissen, welches uns bisher bei unproduktiven Phasen beschlichen hat, wird vielleicht sogar einer Renaissance des Müßigganges weichen. Wir werden Entscheidungen überlegter und nachhaltiger treffen und Informationen und deren Quellen stärker hinterfragen. Alles in allem werden wir in Zukunft achtsamer sein. Mit uns. Mit anderen. Mit der Welt.

Vom Konsumieren zum Partizipieren

Im Geschäftsleben werden uns die Auswirkungen des Covid-19 Impacts zwar noch lange beschäftigen und einige Branchen und Geschäftsmodelle werden massiv beschnitten oder sogar ausgelöscht. Einseitige Modelle, die nur den Profit von einigen wenigen im Blickfeld haben, werden ebenso ins Wanken geraten wie Hersteller von billiger Massenware, die wir eigentlich nicht brauchen. Wieviel davon liegt wohl in unseren Schubladen und Kästen? Zu den Gewinnern werden sich Unternehmen zählen dürfen, die sich mit ihren Geschäftsmodellen auch dem Wohl des Konsumenten, der Umwelt und der Nachhaltigkeit verschreiben oder bereits verschrieben haben. Produkte und Dienstleistungen die Sinn machen werden im Vordergrund stehen und wer es nicht schafft, sich auf den Wertehaushalt seiner Kunden einzustellen, wird in der Bedeutungslosigkeit versinken. Offenheit, Ehrlichkeit und alle sonstigen Tugenden, die dazu beitragen Vertrauen auf- und auszubauen, werden in Zukunft stärker denn je Kaufentscheidungen beeinflussen. Und jene Unternehmen und Organisationen, die es schaffen, ihre Kunden miteinzubeziehen, sie teilhaben und mitbestimmen zu lassen, werden unschlagbar werden. Mehr Stakeholder, weniger Shareholder. Mehr Transparenz, weniger Verschleierung. Mehr Miteinander, weniger gegeneinander.

Nur so kann und wird ein Co-Zeitalter entstehen, wo das „Co“ stellvertretend für „Corona“, „Cooperation“ und „Commonsense“ steht. Denn nur wenn wir mit gesundem Menschenverstand und deren Werten zusammen wirken und arbeiten, kann eine für uns alle bessere Welt entstehen.

Und angesichts der Diskussionen der vergangenen Jahre hinsichtlich Kapitalverteilung, Globalisierung, Konsumverhalten, Klimaschutz, Massentourismus, Datenschutz und vielen anderen aktuellen Themen, muss die Frage erlaubt sein, ob uns dieses Virus nicht in eine Richtung drängt, in die wir uns ohnehin bewegen wollten? Nur halt nicht mehr so zögerlich wie bisher!

Tom Stadlmeyr

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